Wer sind nun meine Gäste, Besucher, Klienten?
Für mich ist BDSM (1) ein „ernstes Spiel“. Also ein abgegrenztes Setting, in dem alle Emotionen, also ernste, große, sinnliche, glückbringende und auch scheinbar böse, extreme und dunkle erlebt werden können.
Eingebettet in Rituale und Techniken, die uns die Bewegungsfreiheit im erregenden Unbekannten geben, können so Wünsche und Bedürfnisse erfüllt werden, die im Alltag keinen Platz haben.
Dabei muss Sex nicht grundlegender Bestandteil einer solchen Situation sein, eher eine willkommene, zusätzliche Erfüllung und Zeichen emotionaler Nähe und Berührtheit, die jedoch der erregenden Begierde nicht zwingend folgen muss (2).
Anspruchsvoll und variantenreich ist dieses ernste Spiel, das ich als Domina anbiete oder als erfahrene SMerin unterstütze und anleite.
Zuerst sind da die Männer
Nach wie vor beschäftige ich mich gerne mit meinen Sklaven, Zöglingen und Objekten und spiele mit meinen High Heels und den Fetischen meiner Gäste. Ich erlebe meine Gäste fast immer als klare, reflektierte Männer, die sich so eigene Bedürfnisse erfüllen.
Männer sind Jäger, sie möchten sich mit Ihrer speziellen Kraft und ihren Ressourcen spüren und beweisen. Zum Mann wird man im Kampf.
Diese Begehren findet Raum im BDSM, wo es durchaus um Überwindung und Grenzerfahrungen geht, hier kann ein Mann sich beweisen, seine Potenz spüren und zeigen.
Dabei bestätigt sich das „Mann sein“ im Dienen genauso wie im Durchhalten von vielleicht schmerzhaften Reizen und im Erfahren der eigenen Grenzen.
Ich glaube, wir sind heute weitgehend weg vom heimlichen und verschämten Besuch bei der Domina. Es geht eher darum, wie ein Mann sein Leben gestalten möchte. Er kann so versuchen, sich selbst auf die Spur zu kommen.
In einer guten professionelle Situation kann ein Mann ein selbstbestimmtes und machtvoll eingefordertes, gut vorbereitetes und technisch perfekt ausgeführtes Spiel bekommen.
Meine Aufgabe dabei ist das Erkennen der männlichen Motivation und persönlichen Kicks. Mit meiner Erfahrung mit den verschiedenen Wünschen, Fantasien und Träumen und auch der Sexualität unterstütze ich meinen Gast in seiner Männlichkeit. Dabei werde ich natürlich die Machtverhältnisse im BDSM-Setting wahren. Das genau ist spannend an diesen ambivalenten und mehrdeutigen Strukturen.
Und Frauen … sind sie anders?
Frauen sind nicht so sehr darauf aus, sich oder anderen etwas zu „beweisen“ sie brauchen es eher, als Person gemeint zu sein, sie wollen sich selbst mit all ihren eigenen Facetten entwickeln, erleben und gesehen werden.
Dabei sind sie oft auf der Suche nach ihrer ursprünglichen Weiblichkeit, nach ihrer Wollust, nach dem, was sie im Innersten antreibt, was vielleicht verdeckt ist von gesellschaftlicher Norm und Alltag.
Es ist ein Gerücht, dass sich weniger Frauen als Männer für BDSM interessieren, das zeigen auch moderne Befragungen zu diesem Thema (3).
Doch was kann eine Frau tun, um ihre Wünsche nach BDSM-Sexualität zu erfüllen? Genauso wie die Männer hat sie natürlich den Weg übers Internet und BDSM-Stammtische. Dort eröffnen sich unzählige Möglichkeiten und Wege, dieses Begehren auch außerhalb einer festen Beziehung zu zu leben. Der Weg, eine professionelle Session zu erleben, scheint dabei für Frauen nicht gefragt zu sein.
Ich erlebe Frauen in meinen Projekten als genauso begierig und suchend wie die Männer. Und es ist mir ein Anliegen, den Salon Excentric, das Studio als Raum auch für Frauen zu öffnen. Gemeinsam mit den Ritualen, Stilmitteln und Techniken des BDSM umzugehen. Hier greift mein Angebot an Frauen, einen Nachmittag mit mir im Studio zu verbringen.
Dabei entscheidet jede Frau selbst, wie weit sie sich auf ein Spiel einlassen will, ob sie mitspielen oder zusehen will, oder sich Inspiration für sich oder ihre Beziehung holt.
Beide zusammen, Paare
In meinen Sessions, die ich für Paare anbiete, geht es immer darum, die Begegnung der Partner mit ihren eigenen persönlichen BDSM-Vorlieben zu fördern. Seite einiger Zeit beschäftige ich mich sehr intensiv mir dem Thema „Langjährige Paare“ und den damit verbundenen BDSM-Themen (6).
In vielen Fragen zum Thema BDSM und Partnerschaft rate ich den Partnern immer, ihren eigenen Anteil im Setting zu suchen. Nur dann kann eine dauerhafte und gute SM Beziehung beständig sein, wenn jeder der beiden Partner sich selbst darin findet. Konstellationen, in denen ein Partner nur aus Gefälligkeit agiert, sind schwierig, auch weil der fordernde Teil sich stets in der Situation des Almosenempfängers fühlen muss. Ulrich Clement fordert von den Partnern in langen Beziehungen die Entwicklung über eigenes sexuelles Profil (4). David Schnarch geht davon aus, dass wir in einer Beziehung lernen müssen, für uns selbst Verantwortung zu übernehmen und uns dem anderen ungeschminkt zuzumuten (5).
Und ich?
Seit 2001 fördere ich die Vermischung der Szenen, suche Überschneidungen der Kreise und erlebe Vernetzung. Im Laufe der Zeit entwickeln sich die Verbindungen zwischen den Subkulturen, so hat es sich gezeigt, dass Szenen, die sich um Themen wie Tantra, Polyamorie, Larp oder Gothic bilden, viele Optionen zur Weiterentwicklung gemeinsamer Inhalte bieten.
Weiterhin ist mir auch eine Rückzugsmöglichkeit für den Einzelnen, für meine Gäste mit BDSM-Hintergrund in ihre eigenen schwarzen Vorstellungswelten wichtig.
Das ist immer noch gültig. Dafür stehe ich und dafür gibt es den Salon Excentric. Insofern haben sich meine damaligen Visionen nicht verändert. Und ich bin ein großes Stück Weg gegangen in dieser Zeit.
Wir erleben eine schnelle Veränderung von sozialen Normen und entwickeln uns zu sexueller, zeitlicher und kulturellen Trennung von Geschlecht, sexueller Präferenz und Rolle (7). Jeder kann, ganz nach seinen eigenen Vorstellungen, zeitlich begrenzt bisexuell sein oder BDSM-orientiert agieren oder eben gar nicht. Daraus entsteht, neben der Vielfalt der Entwicklungsmöglichkeiten, auch eine Vermischung der einzelnen Themen. Hier ergeben sich immer neue Kreise und es kommt zu fruchtbaren Überschneidungen. Dafür möchte ich weiterhin mit dem Salon Excentric und mit meinen Projekten Raum schaffen.
Trotzdem bewege ich mich mit meinem Beruf in einem Feld der gesellschaftlichen Missbilligung. Unsere Gesellschaft ist äußerlich hoch sexualisiert, es wird fast gefordert, sexuell aktiv zu sein und Sex in jeder Form ständig zu konsumieren. Männer kaufen Erotik, auch wenn sie BDSM oder Nähe, Vertrauen, körperliche Berührungen, und Bestätigungen suchen. Viele Männer können nicht klar benennen, was sie brauchen, es ist leichter, aus der männlichen Potenz heraus zu agieren, als aus einem emotionalen Bedürfnis. Deshalb wird dieses Anliegen nach einer BDSM-Situation mit ihren tiefen Varianten und der berührenden Erregung in den Hintergrund gestellt und der Potenz des Sex untergeordnet.
Vielleicht ist das der Grund, warum auch BDSM-interessierte Menschen kommerzielle Angebote im Studio immer noch als rein sexuelle Dienstleistungen ansehen.
Das stimmt für mich so nicht. Sexualität ist ein großer Teilbereich vieler emotionaler Themen, so auch bei BDSM, und doch ist Sexualität nicht der Hauptbestandteil. Dazu nimmt die Gesamtheit der erlebten Gefühle in BDSM-Inszenierungen einen viel zu großen Platz ein.
(2) Laut Sönke Ahrens hat SM eigentlich nur zwei Merkmale: Konsensualität und Machtgefälle. Auch er beschreibt Sex als nicht zwingend, dafür aber die Fähigkeit zur Verhandlung im Vorfeld des Settings.
Sönke Ahrens: Die paradoxale Grundstruktur des Sadomasochismus. In: Zeitschrift für Sexualforschung, 2006, Heft 4. Thieme Verlag Stuttgart 2006, S. 279-295.
(3) Befragung zu Zahlen in verschiedenen Statistiken. (http://www.datenschlag.org/txt/statistik.pdf)
(4) Ulrich Clement: Systemische Sexualtherapie. Klett-Cotta Stuttgart 2011.
(5) David Schnarch: Die Psychologie sexueller Leidenschaft. Piper Verlag München 2009.
(6) Leidenschaft auf Dauer? Workshop im Rahmen der Zwischenräume. Dozenten: Norbert Elb und Leona.
(7) Volkmar Sigusch: Neosexualitäten. Über den kulturellen Wandel von Liebe und Perversion. Campus Verlag Frankfurt a. M. 2005.