Leserbrief von Sharka aus dem Studio Excentric, Stuttgart zum Artikel aus
DER SPIEGEL 49/2003: Peitschen für den Fiskus
Mein Anliegen ist es, das Bild, das Herr Carsten Holm in seinem Artikel aus
meiner Sicht sehr undifferenziert vermittelt, zurechtzurücken.
Ich selbst bin eine Domina mit eigenem Betrieb aus Stuttgart und kenne daher
nicht nur die oberflächliche Sicht, sondern die Realität unserer konkreten
Situation.
In Ihrem Artikel werden die Ebenen wahllos vermischt.
Dass hier die Dominas mit Peitschen, die Sklavinnen mit Freiern und die Prostituierten mit Zuhältern wahllos miteinander verknüpft werden, ist aus unserer Perspektive haarsträubend. Im selben Atemzug das große Geld, das da angeblich von all den genannten verdient wird und den Finanzämtern mit wie es scheint betrügerischer Absicht vorenthalten wird, entspricht nicht unserer Realität, sondern bedient nur die Klischees. Ich bin wirklich enttäuscht, im Spiegel, einer Zeitschrift, die ich bis zu diesem Zeitpunkt für ihre kritische Berichterstattung geschätzt habe, einen solchen Artikel vorzufinden.
Nun meine angekündigte Klarstellung:
In eindeutigen Dominastudios, wie sie landläufig genannt werden, wird sog. S/M Praxis betrieben. Es gibt keine Freier, die sich über Sklavinnen stürzen oder Dominas, die mit ein wenig dominantem Outfit aus Lack oder Leder und einer Peitsche in der Hand normale sexuelle Dienstleistung anbieten. Frauen in einem Dominastudio verkaufen ihren Körper nicht und bestimmen vollkommen über ihre Intimität. Es gibt keine Freier im klassischen Dominastudio, sondern Menschen wie Sie, der Sie diese Zeilen lesen, die ein besonderes Anliegen haben im Sinne von Rollenspielen im Kontext Macht – Ohnmacht, Dominanz – Unterwerfung. Die Essenz dieser Rollenspiele ist das Thema Vertrauen und Hingabe und - etwas psychologisch ausgedrückt - die unerwünschten, ungelebten Seiten leben und integrieren können.. Darum geht es in Wirklichkeit und es erfordert Können, Erfahrung und psychologisches Einfühlungsvermögen, empathische Fähigkeiten u.v.a., um diese Arbeit ansprechend tun zu können.
Solche Studios, die es eben auch in Deutschland gibt, sind keine Massenbetriebe, weil keine normalen Sexpraktiken angeboten werden und die Gäste auch nicht die Intimität, auf die sich eine Frau einlässt, einfordern können. Sie sind nur geeignet für Menschen, die S/M im o.g. Sinn erleben wollen.
Natürlich gibt es auch viele Mischformen, Studios, die Kompromisse machen (müssen), um mehr Kunden anzuziehen.
Mit dieser Schilderung der Situation, wie sie z.B. bei uns gehandhabt wird, geht es mir darum, klarzustellen, dass Peitsche, Sklavin, Freier, Zuhälter und Prostitution nicht einfach undifferenziert in einem Atemzug genannt werden können. Hier gibt es weitreichende Unterschiede! Wir Dominas und Sklavinnen eines klassischen S/M Studios verstehen uns nicht als Prostituierte, auch wenn die Behörden, die ohnehin mit diesem unüberschaubaren Feld völlig überfordert zu sein scheinen, das nicht sehen können oder wollen.
Bei uns gibt es weder Freier, noch Zuhälter und auch nicht das große Geld. Eine Frau, die in der professionellen S/M Szene einen Namen hat, kann vielleicht ausreichend verdienen, aber im besten Fall auch nicht mehr als in einem anderen mittelständischen Beruf. Wenn man dabei auch die hohen Ausgaben berücksichtigt, die z.B. Kleidung und Equipment, die Mieten der Räume etc. ausmachen und die Tatsache, dass es sich um eine „Luxusdienstleistung“ handelt, die nicht für jedermann zugänglich ist, dann braucht sie schon einen sehr guten Namen, um in der heutigen Zeit gut zu verdienen. Die Regel ist das nicht.
Eine Domina ohne Bekanntheit hat in der heutigen Zeit aus meiner Erfahrung
fast keine Chance, genug Geld für ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Sie
muss anderweitig finanziell abgesichert sein, um mitunter wochen – oder
gar monatelange Durststrecken in Kauf nehmen zu können, bis die Klientel
bereit ist, sie anzunehmen. Das passiert auch nur im besten Fall dann, wenn
sie bei der Klientel ankommt.
Das ist die Realität, wie wir sie konkret erleben. Jede von uns geht viele
Tage mit leeren Taschen nach Hause und das wird auch nicht unbedingt, so wie
die Finanzbehörden es glauben wollen, durch die Einnahmen des nächsten
Tages wieder wettgemacht.
Dafür gibt es keine Garantie. Wenn man Glück hat, kann es passieren,
wenn man Pech hat, gerät man weiter ins Defizit, was dann immer schwerer
auszugleichen ist.
Und ich weiß von befreundeten Studios, dass es auch dort nicht anders
ist.
Wir haben z.B. kein Problem damit, meine Darstellung unter Beweis zu stellen, indem wir die Beamten der Finanzbehörde gerne einladen, mal ein oder mehrere Tage bei uns zu verbringen, um sich selbst davon zu überzeugen.
Das, was Sie – werter Herr Holm – in Ihrem Artikel schildern, trifft
vielleicht auf eine bestimmte Gruppe im Kontext Prostitution zu. Auch diese
von Ihnen geschilderte Sexsklavin, die S/M und normalen Sex anbietet, werden
Sie in einem klassischen Dominastudio nicht finden. Natürlich hat eine
Sexsklavin mehr Chancen, Geld zu verdienen, als eine S/M Sklavin, die keinen
normalen Sex zulässt.
Das Bild, das Sie schildern ist sehr einseitig und manipulativ und ich hoffe,
dass ich es mit meiner Darstellung ergänzen konnte und bitte dringend um
Veröffentlichung.
Es gäbe natürlich darüber hinaus noch viel mehr zu sagen in bezug
auf andere Punkte, die Sie in Ihrem Artikel ebenfalls mit dem Tonus der Einseitigkeit
angesprochen haben. Wenn Sie daran interessiert sind, bin ich gerne dazu bereit,
auch zu den Themen „neues Prostitutionsgesetz“, Steuerpauschale
etc. verfeinert Stellung zu nehmen.
Aus Gründen der Anonymität unterzeichne ich in diesem Fall mit meinem Künstlernamen und hoffe auf Ihr Verständnis
Mit freundlichem Gruß
Sharka Tel. 0711-2487047 Mobil 0172-7116510 Fax. 0711-6599687
Und der dazugehärige Artikel:
Fundsache aus "Spiegel - Online".
PROSTITUTION
Peitschen für den Fiskus
Der Rechnungshof rügt die Finanzämter: Im Rotlichtmilieu flössen Milliarden an der Steuer vorbei - doch wie sollen die Beamten an das Geld herankommen?
Im Schattenreich des Berliner Rotlichtmilieus lässt Anna einiges über
sich
ergehen: heißes Wachs zum Beispiel und eine Menge Freier.
Ansonsten ist sie eine brave Bürgerin. Zwischen 4000 und 5000 Euro im Monat verdient die 35-Jährige als Sex-Sklavin in einem Domina-Studio, sie ist selbständige Unternehmerin und zahlt pünktlich ihre Steuern.
Solche Ehrlichkeit honoriert das örtliche Finanzamt. Die Beamten nicken jede berufsbedingte Aufwendung ab, die Anna steuermindernd geltend macht: 500 Euro für eine exquisite Peitsche etwa, 400 Euro für die Lackmontur, 200 Euro für Fesseln und Knebel.
Der Fall hat Seltenheitswert. Höchstens 50 der mehr als 4000 Prostituierten in Berlin sind bei den Finanzämtern mit einer Steuernummer geführt. Damit dürften die Susis, Trixis und Biggis der Hauptstadt kaum ehrlicher sein als ihre Kolleginnen im Rest der Republik: In ganz Deutschland werden nach neuesten Zahlen des Bundesrechnungshofs weniger als ein Prozent der rund 400 000 Huren und Stricher steuerlich veranlagt.
"Haarsträubend" findet Dieter Engels, Präsident der Bonner Behörde, solche Nachlässigkeit. Als er vergangene Woche seinen Jahresbericht zur öffentlichen Verschwendung präsentierte, empörte er sich darüber, wie lasch der Fiskus gegen Steuersünder im ältesten Gewerbe vorgehe. Prostituierte und Zuhälter entrichteten "so gut wie keine Steuern", rügte der Spitzenbeamte, Bordelle würden "nur äußerst unzureichend besteuert".
Dabei ist dort einiges zu holen. Etwa sechs Milliarden Euro Umsatz werden in der Rotlichtbranche erwirtschaftet. Rechnungsprüfer Engels schätzt, dass dem Fiskus jedes Jahr mehr als zwei Milliarden Euro entgehen, weil an der Bettkante brutto für netto kassiert wird.
Solche Erkenntnisse sind für Finanzbeamte nicht gerade eine Neuigkeit. Entsprechend gereizt reagiert die Zunft auf den Vorwurf mangelnden Elans. "Wir können nicht neben unseren Bordellen stehen und zählen", sagt Frank Habermann, Chef der Einkommensteuerabteilung im Bochumer Finanzamt Mitte, genervt. Und Burkhard Schlesies von der Hamburger Finanzbehörde hält die Kritik der Rechnungsprüfer für "nicht fair". Es erfordere eben "einen ungeheuren Aufwand", an Beweise zu kommen: "Was sollen unsere Prüfer tun, wenn eine Frau und ihr Kunde behaupten, sie hätten sich gerade kennen gelernt und sehr sympathisch gefunden?"
In der Tat fällt den Beamten der Nachweis der Geschäftstätigkeit in diesem Gewerbe besonders schwer. Manchmal behelfen sie sich sogar damit, dass sie bei Razzien Präservative, Kleenex-Rollen oder Quittungen für die Reinigung von Bettlaken sicherstellen: So versuchen sie, den Umsatz zu schätzen - nicht immer freilich sind solche Verfahren gerichtsfest.
Auch das vor gut zwei Jahren von der rot-grünen Bundestagsmehrheit verabschiedete Prostitutionsgesetz, mit dem die Abgeordneten das Gewerbe legalisieren wollten, hat die Steuermoral im Milieu nicht verbessert. Huren können sich inzwischen ganz regulär von Bordellbetreibern anstellen lassen, mit Arbeitsvertrag, Sozialversicherungsnummer und auf Lohnsteuerkarte - nur: Kaum eine tut es.
Experten wie Bernd Schulz-Eckhardt, Chef der Abteilung Organisierte Kriminalität im Hamburger Landeskriminalamt, halten es zudem für "sehr schwer", von Zuhältern Steuern einzutreiben, wie es der Rechnungshof fordert. Immer wieder machen Milieufahnder die Erfahrung, dass Prostituierte aus Angst vor Gewalt darüber schweigen, wenn sie den größten Teil ihrer Einkünfte Zuhältern überlassen müssen. Nur bei Hausdurchsuchungen stellen Kriminalbeamte gelegentlich Beweismaterial sicher, das auch den Steuerfahndern weiterhilft.
Doch Rechnungsprüfer Engels lässt nicht locker: Wenn schon eine individuelle Veranlagung nicht funktioniere, so sollten Bordellbetreiber wenigstens eine pauschale Steuer für ihre Prostituierten abführen müssen, schlägt er vor.
In Düsseldorf und Stuttgart wird dieses Verfahren seit Jahren praktiziert.
Immerhin die Hälfte der 260 Puffbesitzer im Bereich der Oberfinanzdirektion
Stuttgart überweist je nach Größe des Betriebs 15 oder 25 Euro
pro Tag und Prostituierte an das Finanzamt. "Vereinfachtes Vorauszahlungsverfahren"
nennen die Stuttgarter Finanzbeamten dieses Modell, unwillige Bordelliers versucht
Abteilungsleiter Günther Borst mit sanftem Druck davon zu
überzeugen: "Wir weisen darauf hin, dass ein Besuch der Steuerfahndung
während der Verkehrszeiten stört - und dass er unterbleibt, wenn sie
zahlen."
Das Ergebnis der Aktion ist allerdings eher bescheiden. Gerade mal zwei Millionen Euro erhoffen sich die Stuttgarter in diesem Jahr an Einnahmen, ihre Kollegen in Düsseldorf rechnen sogar nur mit einer Million. Martin Fliedner von der Düsseldorfer Oberfinanzdirektion lapidar: "Eine Million ist immerhin mehr als null."
CARSTEN HOLM