Leidenschaft auf Dauer?

 

Colloquium für sexuelle Paarbeziehungen
Leona, Domina und Norbert Elb, Sexualwissenschaftler bieten im Frühjahr 2012 ein weitminar an. Außerdem den zweiten teil des Herbstseminars. Die Termine erfahren Sie bei den  Zwischenräumen.

Dieses Wochenende ist gedacht für Paare in langjährigen Beziehungen. Gleich, ob Sie sich einer Szenekultur zugehörig fühlen, oder nicht.

Beziehungen haben sich in der Vergangenheit entwickelt, sie verändern sich in der Gegenwart, auch wenn dies nicht immer wahrgenommen wird, und sie werden sich in der Zukunft verändern, ob dies nun so gewollt wird, wie es dann schließlich geschieht, oder nicht, dies hängt in der Tat nicht von diesem Workshop ab. Von diesem Workshop könnte es aber abhängen, ob sich bestimmte Veränderungen in der unmittelbaren Zukunft zuspitzen oder beschleunigen, oder einen anderen Verlauf als zunächst gedacht nehmen.

Langjährige Paare leiden oft daran, dass sich die Intensität der Begierde in der sexuellen Begegnung nicht so erhalten lässt, wie es am Anfang der Beziehung, in den ersten Monaten und vielleicht Jahren war: Was am Anfang spannend und unglaublich aufregend war, scheint mit der Zeit flach zu werden und einer emotionalen Versorgtheit zu weichen. Oft wird dafür der Alltag verantwortlich gemacht, beruflicher Stress oder mit den Kindern oder der Wunsch nach Ruhe und Bequemlichkeit. Um Aufregendes zu erleben muss man sich aus dieser Komfortzone des trauten Beisammenseins wegbewegen.

Nach dem Modell der Differenzierung von David Schnarch (Sexualtherapeut aus Evergreen, Colorado, USA) muss man die eigene, vom Partner unabhängige, persönliche Entwicklung voranbringen. Nur wenn sich die einzelnen Partner entwickeln, wird auch die Beziehung vorankommen. Seiner Auffassung nach kann man an der eigenen Beziehung nicht arbeiten (wie viele Paare meinen) stattdessen aber an sich selbst. Schnarch geht davon aus, dass wir in einer Beziehung lernen müssen, für uns selbst Verantwortung zu übernehmen und uns dem anderen ungeschminkt zuzumuten. Das ist wahrhaftige Intimität und führt zur Intensivierung des Begehrens.

Begierde ist Ausdruck der Suche nach Unbekanntem, nach etwas, das man begehrt, also noch nicht besitzt. Wie kann man also das Begehren wiederherstellen, wenn Sehnsüchte nach emotionaler Heimat diesem Begehren nach Unbekanntem entgegenstehen?

Das eigentliche Ziel von Entwicklung und Differenzierung ist, so zu werden, “wie man eigentlich gehört”. Dazu ist es notwendig, das zersetzende des ständigen Kompromisses in der langjährigen Paarbeziehung zu überwinden. Man fördert die Partnerschaft eben gerade nicht, wenn man sich vom eigenen Wesen wegentwickelt. Oft werden die PartnerInnen dadurch füreinander uninteressant — sexuell und aussersexuell. Das gefährdet das Paar langfristig vielleicht mehr, als mancher dramatische Konflikt.

“Ein Paar ist also eine Sinn- und Kommunikationsgemeinschaft. Diese zunächst wenig sinnlich erscheinende Sicht lässt sich leicht plausibel machen, wenn man sich vor Augen führt, dass die beiden Partner nicht ,ganz’ zum Paar gehören. So hat die Tatsache, welchem Beruf beide nachgehen, welche Partei sie wählen, welche Lieblingsmahlzeiten sie haben und welche Hobbies sie pflegen, nichts mit der Tatsache zu tun, dass sie ein Paar sind. Auch Gemeinsamkeiten machen sie noch nicht zum Paar, etwa dass beide die Straßenverkehrsordnung beachten, beide in derselben Wohnung wohnen usw.. Dass sie ein Paar sind, definiert sich darüber, was sie in ihre Kommunikation einschließen und ausschließen” formuliert der deutsche Paar- und Sexualtherapeut Ulrich Clement (Heidelberg).

Paradoxerweise kann die individuelle, vom Partner unabhängige, Entwicklung des Einzelnen die Neuentdeckung der Leidenschaft unterstützen und wieder entfachen. Durch die Differenzierung kann man sich also aus der Komfortzone der Verschmelzung heraus entwickeln um sich als Paar wieder zu begegnen.

“Frauen und Männer sind Gegner, denn sie sollen sich begegnen” schreibt die feministische Autorin Angelika Aliti in ihrem Buch “Die wilde Frau”.

“So kann jemand die sexuellen Erfahrungen des andern mit früheren Partnern als positive Grundlage sehen, auf der er aufbauen kann; er kann sie aber auch als schwer einlösbare ,Vorgabe’ erleben, gegen die er sich ständig behaupten muss. Sexuelle Phantasien, sofern sie überhaupt mitgeteilt werden, kann der Partner als belebende Inspiration oder aber als schwer nachvollziehbare und fremde Eigenwelt sehen. Bestimmte Praktiken oder Inszenierungen, die der eine mag, der andere ablehnt, können experimentierfreudig aufgenommen werden, sie können aber auch als bedrohlich unverwirklichte Möglichkeiten wie der Fuchs im Gebüsch liegen und den Hasen in habituelle Angst versetzen”. (Ulrich Clement)

Wir wollen mit unserem Sexuellen Colloquium Suchbewegungen auslösen — für Paare, die sich darauf einlassen wollen. Wir stellen uns vor, dass die Paare sich gegenseitig inspirieren. Mit verschiedenen Methoden in der Gruppe und mit den Einzelnen wollen wir die Wahrnehmung und Entwicklung der sexuellen Profile der Teilnehmer entwickeln und ein Bewusstsein für das Ziel der Differenzierung und der Gefahr der emotionalen Verschmelzung schaffen. So werden wir vielleicht sexuelle Potentiale erschließen, die in der Partnerschaft bisher möglicherweise keine Rolle gespielt haben.

Fragen? Gerne geben wir weitere Informationen:
Leona: mail@LadyLeona.de  und Norbert Elb: Norbertelb@web.de