Interview mit Azrael im Jahr 2000

Was wissen wir eigentlich von der kommerziellen Seite von BDSM ? Von dominanten Damen, devoten Sklavinnen und ihren Gästen ?
Für mich kann ich da nur zum Ergebnis kommen: nicht viel.
Ich habe weder die Dienstleistungen dieser Szene in Anspruch genommen, noch kannte ich bis vor kurzem Menschen, deren Job eben diese Dienstleistungen sind.
Meine Kenntnisse beschränkten sich bisher auf das, was von den Medien so kolportiert wird, und was man mal so liest.
Die kommerzielle Szene ist in meinen Augen dennoch ein Teil unserer Subkultur, und so entschloss ich mich, einmal zu versuchen, eine Reportage aus einem Dominastudio auf die Beine zu stellen, um mich und unsere Besucher etwas schlauer zu machen.
Diverse Absagen später blickte ich eigentlich recht frustiert drein; die grösstenteils vorhandene Abneigung der nichtkommerziellen SM`ler gegenüber der kommerziellen Szene schien auf Gegenseitigkeit zu beruhen.
Und als ich dieses Projekt schon wieder fast zu den Akten gelegt hatte, da kam die Mail von Leona.

Wir hoffen, dass durch diese Einblicke das Verständnis und der Respekt für- und voreinander ein wenig mehr in den Vordergrund rückt, wenn die beiden Szenen aufeinandertreffen.

Azrael



Azrael: Leona, Du arbeitest im Stuttgarter Domina-Studio "Domizil". Wie lange bist
Du schon als Domina tätig ?

Leona: Seit Sommer `99 arbeite ich im Domizil, vorher habe ich auch in andere
Studios reingeschnuppert...also, seit ca. anderhalb Jahren Jahren.

Azrael: Aus unserem Vorgespräch weiss ich, dass Du ja sowohl in der kommerziellen
als auch in der SM-Szene aktiv bist. Ich kann mir vorstellen, dass man mit dem
Beruf Domina bei den nichtkommerziellen SM`lern schief angeschaut wird, oder ?

Leona: Ich oute mich erst, wenn ich jemanden besser kenne und derjenige mich als
Person wahrgenommen hat...dann werde ich nicht als Domina gesehen, sondern
eben als SM`ler wie mein Gegenüber auch.

Azrael: Wie kommt frau auf die Idee, im Studio zu arbeiten ?

Leona: Ich bin SM`ler, solange ich denken kann. Ich hatte nie Beziehungen ohne
SM. Nach langer Tätigkeit im sozialen Bereich musste ich vor 2 Jahren einfach was
anderes machen. Ich bin damals richtig in die SM-Szene eingestiegen, also mit
Stammtischen und Partybesuchen. Damals lernte ich auf einer Fete eine
kommerzielle Domina kennen. Und ich habe dann meine Passion zum Beruf
gemacht...das passte einfach zusammen.

Azrael: Nun ist es ja so, dass die SM-Szene sehr darauf bedacht ist, sich von den
"Profis" abzugrenzen. Woher kommt das nach Deiner Meinung ?

Leona: (lacht) Das ist aber eine Frage...darüber könnte man Bücher schreiben. Das
sind zum einen die Vorurteile gegenüber "Prostitution" (verzieht das Gesicht), zum
aderen gibt natürlich niemand gerne zu, für SM zu bezahlen. Die SM-Szene sieht
sich ja gerne als besondere Subkultur an. Und oft wird ja auch in den Medien die
kommerzielle als DIE SM-Szene dargestellt. Das stört wahrscheinlich viele, weil ein
faslches Bild der nichtkommerziellen Szene vermittelt wird. Aber die Gründe kann
man nur anreissen, glaube ich. Ich persönlich bewege mich ja in beiden Szenen, und
für mich ist die kommerzielle Szene eben auch ein Teil unserer Subkultur.

Azrael: Du bist ja sehr aktiv auch in der nichtkommerziellen Szene. Kommt frau da
auch noch zu etwas anderem als SM, wenn SM auch noch der Beruf ist ?

Leona: Ich arbeite nur drei Tage in der Woche im Studio, ansonsten bin ich weit
weg von Stuttgart bei meinen Kindern.

Azrael: Aber auch da gehst Du zum Stammtisch, zu Parties, und, und, und.

Leona: SM zieht sich halt durch mein ganzes Leben. Und ich brauche diese beiden
Seiten der Szene...die Beschäftigung mit SM als Thema. Das ist für mich auch ein
Ausgleich zum Beruf. SM ist für mich mehr als Beruf oder Vereinsmeierei; ich mag
mich auch mit theoretischen Fragen zu SM oder Hintegründen beschäftigen.

Azrael: Apropos beide Seiten...es gibt da etwas, bei dem Du lange überlegt hast, ob
Du es im Interview verrätst.

Leona: Ja, ich arbeite im Studio nämlich auch passiv, als Sklavin. Ich habe
deswegen lange überlegt, weil es nicht zum Bild der strengen Domina passt, wenn
sie auch als unterwürfige Sklavin arbeitet. Die passive Seite ist mir aber
genausowichtig wie die aktive Seite. Ich bin nun mal Switcher, also zieht sich das
auch ins Studio.

Azrael: Und das ist problematisch ?

Leona: In der kommerziellen Szene ist eine Domina, die aktiv und passiv arbeitet,
unglaubwürdig. Man nimmt ihr keine ihrer Rollen so richtig ab. Das ist einfach so. In
der SM-Szene sind Switcher heute gut toleriert. Früher war das ja auch anderes. Da
hatte man auch entweder aktiv oder passiv zu sein. In meinem Beruf glaubt mir ein
Gast weder die Domina noch die masochistische Seite, wenn er mich nicht kennt
und ich es gleich sage. Hinterher ist es okay, wenn die Session vorbei ist. Aber ich
denke, vielleicht kann ich persönlich ja mit meinen Gästen besser umgehen, weil ich
die jeweilige Seite kenne und weiss, was in meinem Gegenüber vor sich geht und
auch weiss, wie sich passiv sein anfühlt.

Azrael: Wie verteilt sich das aktive und passive Arbeiten ? Und gibt es nicht
Probleme, wenn Du eben noch einen Gast dominiert hast und nun selbst gefesselt
wirst ?

Leona: Anfangs dachte ich, das würde mein grösstes Problem werden. Aber ich sage
mal, man kann sofort umschalten. Wenn Du in einer Session bist und das Telefon
klingelt, bist Du ja auch nicht am Telefon weiter devot, oder ? Natürlich muss ich
mich jeweils drauf einstellen...innerhalb von 2 Minuten ist ja nicht die nächste
Session. Aber ich muss für meine Gäste natürlich sehen, dass jeder wirklich das
kriegt, was er sich wünscht, und nichts Halbes. In einem Rollenspiel zum Beispiel
eine richtige konsequente "Lehrerin", die den Rohrstock zu benutzen weiss oder eine
echte unartige "Schülerin", die den Rohrstock verträgt.

Azrael: Darüber sprechen wir ja demnächst auch noch. Als ich Dich anschrieb, hatte
ich ja eigentlich nur eine Studioreportage im Sinn. Alle Dominas im Raum Stuttgart
haben dankend abgewinkt, bis auf Dich. Was versprichst Du Dir von dieser
Geschichte mit andersARTIG ?

Leona: Ich kenne andersARTIG schon länger, als ich im Studio arbeite, und bin auch
auf Eurer Mailingliste. Ich hab mich gefreut über Deine Mail, weil ich mich darüber
ärgere, dass beide Szenen so auseinander sind und so viele Vorurteile bestehen, auf
beiden Seiten. Ich finde es klasse, hier in einem Forum der SM-Szene über meine
Studioarbeit berichten zu können. Die Studioreportage machen wir ja später auch
noch.

Azrael: Ja, darüber freuen wir uns auch....ich weiss jedenfalls nicht, was im Studio
so passiert (lacht).

Leona: (lacht) Das beantworte ich Dir heute aber nicht mehr. Das besprechen wir
ein anderes Mal.

Azrael: Du musst ja jetzt eh gleich zur Arbeit. Aber weitere Interviews und Texte
werden ja folgen. Du hast ja sogar angeboten, zu festen Zeiten im Chat zu sein und
Dich den Fragen der Chatter zu stellen. Die Termine werde ich dann immer auf der
Startseite dieser Rubrik bekanntgeben.
Erstmal herzlichen Dank für dieses erste Gespräch.

Azrael für Andersartig

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